Am neuen Ort wo ich unterrichte hängt dieses Bild, das meine Neugier geweckt hat. Was steckt hinter der geheimnisvollen Landschaft mit Bergen, Flüssen, Bäumen und kleinen Figuren?
Das Bild heisst Neijing Tu, was «Darstellung der inneren Landschaft» bedeutet. Es stammt aus der daoistischen Tradition Chinas und stellt den menschlichen Körper als eine lebendige Landschaft dar.
Die Berge symbolisieren den Kopf und das Bewusstsein, der Fluss folgt dem Verlauf der Wirbelsäule und steht für die Bewegung der Lebensenergie, Qi genannt. Die Bäume verkörpern Wachstum und Entfaltung, während der Bauer mit seinem Ochsen daran erinnert, dass unsere Lebenskräfte Pflege, Geduld und Aufmerksamkeit brauchen.
Wasser und Feuer stehen für die sich ergänzenden Kräfte Yin und Yang und ihre ständige Wandlung. Die verschiedenen Figuren und Symbole zeigen, wie körperliche und geistige Vorgänge miteinander verbunden sind.
Die Bildreise führt von der Pflege des Körpers über die Kultivierung der Lebenskräfte bis hin zur geistigen Erkenntnis und zur Vereinigung mit dem Dao – dem Ursprung und grundlegenden Weg aller Erscheinungen.
Der Mensch ist Teil der Natur
Was mich an diesem Bild besonders anspricht, ist die Vorstellung, dass wir die Natur nicht nur um uns herum finden, sondern selbst ein Teil von ihr sind.
Wie in einer Landschaft ist auch in unserem Körper alles in Bewegung. Es gibt Zeiten der Aktivität und Ruhe, des Wachstums und der Veränderung. Nichts besteht für sich allein.
Auch im Yoga erfahren wir dieses Zusammenspiel von Körper, Atem und Geist. Durch achtsame Bewegung und bewusstes Verweilen lernen wir, unseren Körper als lebendiges Ganzes wahrzunehmen.
Vielleicht lädt uns dieses Bild dazu ein, unserem Körper mit derselben Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu begegnen, mit der wir eine Landschaft betrachten.