Leerheit

 
 
blumen und wolken am himmel
 

NICHTS IST FÜR SICH ALLEIN


Kürzlich habe ich das Buch «Mit dem Herzen verstehen» von Thich Nhat Hanh gelesen. Am Ende des Buches stand der nachfolgende Text. Er hat mich berührt, weil er mit einfachen Worten etwas beschreibt, das in der buddhistischen Philosophie schwer zu verstehen ist: die Leerheit.

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Miteinander-Verbundensein

Die Sonne ist ein Teil von mir geworden.
Die Sonne ist ein Teil von mir geworden,
zusammen mit der Wolke und dem Fluss.
Ich selbst bin ein Teil des Flusses geworden,
und ich bin ein Teil der Sonne geworden,
zusammen mit der Wolke und dem Fluss.
Es gibt keinen einzigen Augenblick,
in dem wir einander nicht durchdrungen hätten.
–

Das Wort Leerheit lässt vielleicht zuerst an Abwesenheit oder an ein Nichts denken. Doch damit ist etwas anderes gemeint.

Leerheit bedeutet, dass nichts für sich allein existiert, dass es keinen soliden Wesenskern gibt.

Alles entsteht durch Bedingungen.
Alles ist abhängig von anderem.
Alles ist miteinander verbunden.

Eine Blume zum Beispiel besteht nicht nur aus «Blume». In ihr sind die Erde, das Wasser, die Sonne und der Regen. Ohne sie könnte die Blume nicht entstehen. Auch die Zeit ist in ihr. Der Samen. Die Pflanze, aus der der Samen hervorgegangen ist. Und unzählige Bedingungen, die wir oft gar nicht wahrnehmen.

Schauen wir genau hin, finden wir in der Blume sehr vieles – aber nichts, was unabhängig davon einfach nur «Blume» wäre.

Genau darin liegt die Bedeutung der Leerheit.

Die Blume ist leer von einer eigenständigen, unabhängigen Existenz. Und gleichzeitig ist sie erfüllt von allem, was ihr Leben ermöglicht.

Und wir Menschen?

Mit uns ist es nicht anders. Auch wir sind nicht losgelöst von unserer Umgebung. Die Luft, die wir einatmen, wird Teil von uns. Das Wasser, das wir trinken. Die Nahrung, die uns nährt. Unsere Eltern und Vorfahren. Unsere Erfahrungen und Begegnungen.

Vieles von dem, was wir als «Ich» empfinden, ist durch Beziehungen und Bedingungen entstanden. Wir sind deshalb nicht weniger wir selbst. Aber wir sind auch nicht so getrennt, wie es manchmal scheint.

Wir sind, weil anderes ist.

Die Wolke wird zu Regen.
Der Regen fliesst in den Boden.
Das Wasser nährt einen Baum.
Der Baum trägt Früchte.
Die Frucht wird Nahrung.
Wo hört die Wolke auf?
Wo beginnt der Mensch?

Alles befindet sich im Wandel.
Alles entsteht.
Alles vergeht.
Und alles ist mit allem verbunden.

Vielleicht wird Leerheit verständlicher, wenn wir weniger an «Leere» denken und mehr an Verbundenheit. Wenn nichts für sich allein existiert, dann betrifft uns auch das Leben um uns herum. Die Natur ist nicht etwas, das ausserhalb von uns liegt. Wir atmen sie ein. Wir nehmen sie als Nahrung in uns auf. Wir bestehen aus ihr.

Auch zwischen Menschen gibt es diese Verbindungen. Alles, was wir tun, sagen und denken, hat Auswirkungen – auf uns selbst und auf andere.

So betrachtet bekommt Leerheit etwas sehr Lebendiges. Sie macht verständlich, wie eng alles miteinander verbunden ist.

Wir sind nicht getrennt. Wir sind Teil eines grösseren Ganzen.

Vielleicht ist genau das gemeint, wenn Thich Nhat Hanh von Miteinander-Verbundensein spricht.


Quelle:
«Mit dem Herzen verstehen» von Thich Nhat Hanh

Foto:
KS KYUNG on Unsplash

 
 
Claudia Furrer